Studium an der Al-Azhar Universität Kairo

Islam und der Westen Ein Studienjahr an der Al-Azhar Universität in Kairo

Einleitung

Das Verhältnis von Christentum und Islam steht in Ägypten und Deutschland auf dem Prüfstand. Drei Millionen Muslime leben in Deutschland und fordern nicht nur ein Recht auf Arbeit, sondern auch auf freie Religionsausübung. Die Auseinandersetzungen über den öffentlichen Muezzinruf in Dillenburg, der Wunsch nach einem muslimischen Gemeindezentrum in Oberursel und die Forderungen nach islamischem Religionsunterricht sind Zeichen des neuen Verhältnisses zwischen Christentum und Islam.

In Ägypten leben in einer vorwiegend vom Islam geprägten Gesellschaft etwa sechs Millionen Christen. Auch hier stehen die beiden Weltreligionen in einem Spannungsfeld. Der Bau christlicher Kirchen, die enge Verbindung von staatlichem und islamischen Recht, die Fragen einer völlig freien und ungehinderten Religionsausübung stehen im Raum und warten auf eine konstruktive Auseinandersetzung.

Die Evangelische Kirche trifft diese Situation ziemlich unvorbereitet. Die Kenntnis des Islam und seiner Lebenswelt wird weder im Theologiestudium noch in der pfarramtlichen Praxis vertieft. Da der Dialog zwischen Christen und Muslimen für ein besseres Zusammenleben und für die eigene theologische Ausrichtung zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist es dringend notwendig, mehr Kenntnis über den Islam und Erfahrungen im Zusammenleben mit Muslimen in die Kirche zu integrieren. Zwar gibt es Theologen, die sich mit dem Islam näher befasst haben, aber aufs Ganze gesehen ist eine Menge Bildungsbedarf gegeben. So stellt sich die Frage, ob nicht schon im Theologiestudium die Auseinandersetzung mit einer großen Weltreligion neben Christentum und Judentum zur Pflicht gemacht werden sollte. Umgekehrt steht auch der Islam noch in weiten Teilen vor einer produktiven Auseinandersetzung mit christlicher Theologie und kirchlichem Leben. Auf beiden Seiten herrscht Unkenntnis von einander, die zu den verschiedensten Vorurteilen trifft.

Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker hat anlässlich zweier Besuche in Ägypten der Al-Azhar-Universität in Kairo im Frühjahr 1998 und 1999 ein Programm zwischen graduierten Theologen seiner Kirche und deutschsprachigen muslimischen Theologen der Al-Azhar-Universität angeregt. Die Al-Azhar-Universität bietet nämlich die einmalige Gelegenheit, in einem islamisch geprägten Land deutschsprachig Islamwissenschaften zu studieren. Als älteste islamische Universität spielt sie in der islamischen Welt zudem eine zentrale Rolle. Durch einen Aufenthalt in Ägypten kann die Lebenswelt dieses Kulturkreises erkundet werden. Im Gespräch mit muslimischen und christlichen Gesprächspartnern vor Ort können die Chancen und Schwierigkeiten des Dialogs in der Praxis erkundet werden.

Die Koptisch-Evangelische Kirche bietet an, die Pfarrer bei ihren Studien zu begleiten. Vor diesem Hintergrund entsandte die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau im Studienjahr 2001/2002 einen Pfarrer und eine Pfarrerin für ein Jahr nach Ägypten. In einer viermonatigen Vorbereitungsphase in Deutschland wurde die Sprache in Grundzügen erlernt. In einer zweimonatigen Auswertungsphase wurde das Vorhaben ausgewertet.

Ziele

Hauptziel des Graduiertenprogranuns ist die Stärkung eines kenntnisreichen Dialogs mit dem Islam im Kirchengebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und umgekehrt eines solchen Dialogs in Ägypten. Die Kirche muss sich argumentativ auf den Dialog mit dem Islam einstellen, sowie sich der Islam auf die Kirche einstellen muss. Eine Maßnahme auf diesem Weg zu einer Stärkung des interkulturellen Lernens und des interreligiösen Dialogs ist das Graduiertenprogramm. Hier soll Spezialwissen für den Dialog zwischen Christentum und Islam ausgebildet werden, und die Erfahrungen der Graduierten sollen dann auch in der Kirche nutzbar gemacht werden können. Dies kann in direkten Angeboten, aber auch in Fortbildungs-zusammenhängen für Pfarrerinnen und Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter geschehen. Umgekehrt sind auch deutschsprachige muslimische Theologen nach Deutschland eingeladen. Die Frage jedoch, ob und wie es zu einem solchen gegenseitigen Austausch kommen soll obliegt auch unseren ägyptischen Gesprächspartnern.

Weitere Auskünfte über das Studienprogramm erteilt Dr. Jochen Kramm im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Mehr Infos unter www.zentrum-oekumene-ekhn.de